„Der du vom Himmel bist, alles Leid und Schmerzen stillest.
Und den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Erquickung füllest.“
„Und war ich auch des Tages über ein Mensch, wohlgemerkt einer von edlem Stand, so war ich des Nachts doch nichts mehr und nichts weniger als ein Seidenspinner. Ein ganz besonderer Seidenspinner, der selbst eingesponnen in allzu viele Fäden war. Fäden, die so lang gesponnen schienen, dass sie wohl bis ins All und wieder zurück reichten. Und wird mein Stern auf den Flügeln des Seidenspinners auch vergehen, so lasse ich doch etwas hier. Es ist ein Geschenk für die Kinder, denn gerade hier durfte ich erfahren, was die Hilfe eines Kindes bedeuten kann.
Was mir an Liebe und Zuneigung von einem Kinde zuteil wurde, möchte ich den Kindern dieser Stadt und denen auf der ganzen Welt zurück geben.
Was mir an Liebe und Zuneigung von einem Kinde zuteil wurde, möchte ich den Kindern dieser Stadt und denen auf der ganzen Welt zurück geben. Und so seien Zuversicht und Geduld meine Gaben an die Kinder auf den Wällen und auf der ganzen Welt. Auf dass die Stadt der Wälle blühe und meiner, der Comtesse de Bombyx Mori, stets gedenke. Der Frau gedenke, die Heilung auf einem der Wälle erfahren durfte. Gemach, mein Leser, sei Du wie ich gleichermaßen erfasst von Hoffnung, und währte Dir auch gerade die tiefste Nacht. Erfüllte sich meine Hoffnung auch reichlich spät, so wäre ich ohne sie doch verloren gewesen. Und bin ich auch schon gegangen, wenn Du dieses Schriftstück liest, so bleibt doch ein Teil von mir für immer hier. Triff mich des nachts jedes einundzwanzigste Jahr am einundzwanzigsten weißen Haus auf dem östlichsten der Wälle. Denn keine bessere Zahl und keinen besseren Ort konnte ich finden auf dieser Welt, bei meiner Seel’.“
Dem Verfasser ist mit dem Buch „La Comtesse de Bombyx Mori“ mehr als nur ein schönes Märchen gelungen. Das Buch führt seinen Leser weit zurück in die Zeit der französischen Revolution, als ein junger Adliger beschließt, mit seiner Familie die Flucht vor den neuen Machthabern und vor dem Mob zu ergreifen. Über Italien führt die Reise des Comte Henri de Poitou mit einem niederländischen Segelschiff ins verbotene Land Edo, das heutige Japan. Der geneigte Leser leidet mit dem Adligen, seiner Frau und deren Dienern, denn sie werden niemals nach Frankreich zurückkehren können. Er lernt mit ihnen die winzige niederländische Kolonie Dejima kennen, eine künstlich aufgeschüttete Insel vor der Küste Nagasakis.
Sie ist der einzige Ort im Reich Edo, wo Fremde überhaupt noch geduldet werden. Die Niederländer sind die einzigen Europäer, zu denen die Bewohner Edos noch bescheidene Handelsbeziehungen pflegen, wenngleich diese streng geregelt sind. Auf der winzigen Insel Dejima kommt auch der Sohn des Comte, der kleine Louis, zur Welt.
Die Stadt Nagasaki selbst bleibt Fremden normalerweise völlig verwehrt, doch der Comte de Poitou schafft es in den nächsten Jahren, sich den strengen Gouverneur der Stadt zum Freund zu machen. Er bezieht ein Haus in Nagasaki und beschäftigt sich mit der Seidenraupenzucht. So gehen die Jahre dahin und die Sehnsucht nach Frankreich erwacht in Henri de Poitou immer stärker. Er spürt instinktiv, was gerade in Frankreich geschieht und sieht vor seinem geistigen Auge seine Burg brennen. Das Heimweh nagt an ihm viel mehr als an seiner Frau Agnès, die ihre Dienerinnen längst zu ihren Freundinnen gemacht hat.
Sein Sohn ist längst erwachsen und soll nun endlich heiraten. Doch was dann geschieht, lässt dem Leser das Blut in den Adern gefrieren. Ein Fluch wird über einen Menschen ausgesprochen, der noch gar nicht geboren ist. Dieser Mensch ist die kleine Tochter des Comte Louis de Poitou, welche der Fluch gleich nach ihrer Geburt mit all seiner Härte trifft. Sie flieht schließlich vor ihm nach Java und dann nach Europa, weil ihr ein tibetischer Schiffskoch und Heiler dazu riet.
Die Comtesse de Bombyx Mori lässt sich zunächst in den Niederlanden nieder, um sich von dort auf die Suche nach einem bestimmten Ort zu machen. Es soll der Ort sein, an dem man Samt und Seide mehr schätzt als in jedem anderen Ort auf der ganzen Welt. Nach langem Suchen findet sie diese Stadt schließlich in Deutschland und lässt sich in ihr ein Haus erbauen. Diese Stadt ist tatsächlich ihre letzte Hoffnung, eines Tages von dem unseligen Fluch befreit zu werden. Ob das tatsächlich noch in diesem Leben gelingen kann, steht nun noch in den Sternen. Denn es war ein sehr mächtiger Fluch, der da ausgesprochen wurde und es war weder ein Bewohner Edos noch einer der Niederländer, der ihn aussprach.
Dieses Buch regt dazu an, sich selbst mit der Geschichte der Seide zu beschäftigen. Es lässt dem Leser genügend Spielraum für eigene Interpretationen und erlaubt ihm, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Kinder können das Buch selbst lesen oder man kann ihnen daraus auch vorlesen. Das Buch eignet sich für eine gemütliche Abendstunde vor dem Kamin genauso wie als Stütze für den Geschichtsunterricht. Das offene Ende lässt ebenfalls Raum für eigene Projektionen und daraus entstehende Spiele und Rätsel. Der moralische Zeigefinger bleibt dabei trotz der beabsichtigten Verdeutlichung von ethischen Werten immer unten. Sehr behutsam führt der Verfasser seinen Leser in eine bestimmte Richtung: Über den Seidenspinner und die Seide landet er im Herzen einer Stadt, die selbst eine sehr wechselvolle Geschichte erleben durfte und oftmals erleben musste.
